Vortrag Haltung zur Demokratie

Haltung zur Demokratie. Eine Aufgabe der Hochschule (gerade) in Zeiten popularistischer Reduktionen
Eric Mührel, EH Freiburg, 2. November 2017
Sehr geehrte Frau Rektorin Prof. Dr. Renate Kirchhoff,
sehr geehrter Prorektor Prof. Dr. Björn Kraus,
sehr geehrter Herr Kanzler Dr. Ulrich Rolf,
sehr geehrte Studentinnen und Studenten, Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Gäste,
ich bedanke mich für die Einladung zur Haltung des Festvortrags zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2017/18 über das Thema Haltung zur Demokratie und der diesbezüglichen Aufgabe der Hochschulen.

Zu Beginn meiner Ausführungen stelle ich mit Bezug auf eine Geschichte Freiburgs eine Auffassung zur Aufgabe der Hochschule dar, von der wir gegenwärtig weit entfernt sind und die hoffentlich auch nicht mehr wiederkehren wird. Vor dem Hintergrund dieser Erinnerung wird sich die dann folgende Beschreibung einer Haltung zur Demokratie und die damit verbundene Aufgabe der Hochschule – so hoffe ich – besonders kontrastreich abheben.

Am 27. Mai 1933 hielt Martin Heidegger anlässlich seiner feierlichen Übernahme des Rektorats der Universität Freiburg einen Vortrag über „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. Am Ende seines Vortrags zitiert er Platon aus seiner Politeia (497 d, 5): „ (…) tà…megála panta èpisphalé“ und übersetzt dies mit „Alles Große steht im Sturm…“. Er beschreibt in seiner Rede die Aufgabe der (deutschen) Universität zur Ausbildung der Studentinnen und Studenten für den Arbeitsdienst, den Wehrdienst und den Wissensdienst für das völkisch-staatliche Dasein auf einer Festlegung eines vermeintlich geschichtlichen Auftrags des Deutschen Volkes. Diesen Auftrag erblickt er in der Dichtung und dem Gesang in der deutschen Sprache als Wiederaufnahme des reinen ersten Denkens der Frühsokratiker in der Lichtung des Seins. Hierdurch sollte die Verschleierung dieses reinen Denkens durch die Tradition und das Erbe des christlichen Abendlandes und dem darauf folgenden Nihilismus überwunden werden. Für diesen Auftrag im Rahmen der Universität bedarf es Heideggers Meinung nach einer Kampfgemeinschaft der Lehrer und Schüler.
In sich kohärent schließt er zum Abschluss seiner Rede:

„Aber wir wollen, daß unser Volk seinen geschichtlichen Auftrag erfüllt.
Wir wollen uns selbst. Denn die junge und jüngste Kraft des Volkes (gemeint ist die nationalsozialistische Bewegung und Machtergreifung – Anm. EM), die über uns schon hinweggreift, hat darüber bereits entschieden.
Die Herrlichkeit aber und die Größe dieses Aufbruchs verstehen wir dann erst ganz, wenn wir in uns jene tiefe und weite Besonnenheit tragen, aus der die alte griechische Weisheit das Wort gesprochen: … Alles Große steht im Sturm.“

Ich werde an dieser Stelle weder auf die laufende Diskussion über Leben und Wirken von Martin Heidegger eingehen, z.B. über seinen Antisemitismus in den Schwarzen Heften, noch erlaube ich mir hier ein abschließendes Urteil über dieses Leben und Wirken, das global gesehen die Philosophie in einer fast unermesslichen Tiefe im letzten Jahrhundert neu fundiert hat: das sollte nachdenklich stimmen. Die akademische Freiheit verwarf er übrigens gänzlich. Es mag ein Wink genügen, dass der evangelische Theologe und Philosoph Friedrich Schleiermacher (1768-1834) die von Heidegger zitierte Ausführung in der Politeia wie folgt übersetzte: „Denn alles Große ist auch bedenklich (…).“ (WBG Ausgabe 2005). Schon aus dieser Perspektive heraus erhält die Rede Heideggers eine ganz andere Konnotation. „Groß“ und angeblich enorm bedeutungsvollen Welterklärungen gilt es mit nüchterner Skepsis und dem Verweis auf die Komplexität der Sachverhalte zu begegnen; und sich nicht in einem Sturm hinreißen zu lassen.
Nun hatte schon der Staatskommissar Wacker im Anschluss an die Rede von Martin Heidegger von einem „Privatnationalsozialismus“ Heideggers gesprochen, der der rassenhygienischen Grundlage des Parteiprogramms nicht entspreche. Wer wollte auch schon diesen sogenannten „Gefährlichen Denker“, wie er u.a. in diesem Duktus in Peter Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“ an der Jahrtausendwende wieder auftaucht, lesen oder könnte ihn gar noch verstehen? Heideggers Denken war eher hermetisch verklausuliert, aber nicht wirklich populistisch oder gar populär.
Genau dies hat sich bei den aktuellen Protagonisten eines völkisch-staatlichen Daseins und einer entsprechenden Gesellschafts- und Medienstruktur geändert. Sie sind nicht nur populistisch – im Sinne einer angestrebten Gewinnung der Gunst der Massen –, sondern auch zugleich und paradox global populär, d.h. bisweilen sehr beliebt, in ihrem eben – und so benenne ich das etwas Neudeutsch – popularistischen Gewand. Jeder von uns weiß darum, welche Entwicklungen ich hier anspreche.
Im Folgenden werde ich in kurzen Gedankenanstößen – mehr ist an dieser Stelle nicht zu leisten – zunächst auf das aktuelle Aufkommen solcher popularistischen Reduktionen auf dem Hintergrund der Krisis der liberalen Demokratie eingehen. Danach werde ich eine mögliche und vielleicht notwendige Haltung zur Demokratie skizzieren. Abschließend gehe ich auf die Aufgabe der Hochschule zur Bildung einer solchen Haltung ein.

Die Krisis der liberalen Demokratie

Wird von einer Krisis der liberalen Demokratie gesprochen, ist damit mit Bezug auf die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs im Griechischen eine Scheidungs- und somit Entscheidungssituation thematisiert. Kann die liberale Demokratie für die Lösung der gegenwärtigen und zukünftigen weltgesellschaftlichen Herausforderungen das Vertrauen der Menschen gewinnen? Oder stellen andere Regierungs- und Gesellschaftsformen nicht zumindest anscheinend attraktivere Modelle dar? Ein Blick in die Bundesrepublik und die Europäische Union stimmt da ggf. schon nachdenklich. Der Blick darüber hinaus in die weite Welt ist zumindest in großen Teilen mehr als Besorgnis erregend. Doch worin liegt diese Krisis der liberalen Demokratie begründet? Neben selbstredend vielen Faktoren möchte ich an dieser Stelle auf einen im hiesigen Zusammenhang zentralen Aspekt eingehen: Es ist der tiefe Hiatus zwischen dem Freiheitspostulat einer liberalen Gesellschaftsform und einer dabei evidenten Enttäuschung dieses Versprechens in realen Formen der Entwürdigung. Freiheit stellt einerseits eine anthropologische Fundamentalkategorie aller pluralistischen und demokratischen Gesellschaftsformen dar. Das Recht auf die Evidenz vorausgesetzter Freiheit fundiert alle lebensweltlichen Kommunikationen und Interaktionen von Gesellschaft und Individuum. Andererseits: „Das neuzeitliche Individuum hat dies als Denken in Rechten und Ansprüchen internalisiert, aber sein übergeordneter Anspruch, als Person anerkannt und wahrgenommen zu werden, geht in den globalen Netzen unter“ (Müller 2017: 12). Der schon in der frühen Renaissance von Pico della Mirandola in seiner Schrift De hominis dignitate; (Über die Würde des Menschen) formulierte Zusammenhang von Freiheit und Würde kann in der liberalen Demokratie des 21. Jahrhunderts nur noch bedingt oder eben nicht mehr eingehalten werden. Welche Bedeutung aber hat das „bewundernswerte Glück des Menschen, sein eigener in Freiheit schöpferischer Bildhauer zu sein“, wenn es in den gesellschaftlichen Umständen nicht wahrgenommen werden kann; und keiner es sieht und würdigt? Daher rührt u.a. der Vertrauensverlust in die Institutionen und Politiken der liberalen Demokratie und das Aufkommen von neonationalistischen und neosozialistischen Ideologien mit ihren Identitäts-, Sicherheits- und damit Heimatsversprechungen.
Welche Herausforderungen ergeben sich aus dem Hiatus von Freiheit und Würde für eine zukünftige demokratische Gesellschaftsordnung? Lisa Herzog, die aufkommende Stimme der Frankfurter Schule, sieht diese mit Blick auf
„den individuellen Handlungsspielraum als auch der Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben mit den entsprechenden Ressourcen und die Möglichkeit zur Mitgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Und besonders ist auf die Freiheit derjenigen zu achten, die in den formellen und informellen Machtverhältnissen unserer sozialen Welt die schwächsten Glieder sind.“ (Herzog 2013: 181)
Der Soziologe Philip Pettit fordert ein
„gesellschaftliches Niveau, das den Menschen nach den anspruchsvollsten landesüblichen Kriterien ermöglicht, einander in die Augen zu schauen, ohne Anlass zur Furcht oder Ergebenheit zu haben (…). Dieser Blickwechsel-Test erlaubt eine gewisse Ungleichheit, aber nicht die Art von Ungleichheit, die eine Interaktion der Menschen untereinander verzerrt.“ (Pettit 2015: 260; siehe hierzu auch 141-145)
Kurz und damit verkürzend zusammengefasst bedeutet dies, die liberale Demokratie als Regierungsform um eine Demokratie als solidarische Lebensform zu ergänzen, was ein Leben ohne Scham über den eigenen sozialen Status und damit auch ohne Entwürdigung ermöglicht. Welche Anforderungen an eine Haltung zur Demokratie erfordert dies von den beteiligten Menschen als Akteuren?

Haltung zur Demokratie
In verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten wird zunehmend eine zu bildende, einzunehmende und notwendige Haltung angesprochen. Als ein besonderes breitenwirksames Beispiel kann die Berlinale 2017 mit ihrem Motto Unterhaltung und Haltung betrachtet werden. Dieses Motto fand große Resonanz angesichts der Inaugurierung von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten und der damit einhergehenden Befürchtung, dass eine reaktionäre Geisteshaltung in breiten Schichten des Bürgertums in den westlichen Gesellschaften Einzug halten könnte. Haltung, das soll hier gleich mit erwähnt werden, symbolisiert auch so etwas wie eine Gegenbewegung zu einem sich rein nach den ökonomischen Kriterien der Effizienz und Effektivität ausgerichtetem Handeln, das gilt in einer Spannbreite von sozialen Berufen bis zur Branche der Finanzwirtschaft.
Es fällt zunächst auf, dass wir es bei der Haltung zwar mit einer einfach zugänglichen, aber schwierig zu verstehenden und durchschaubaren Figuration zu tun haben. Es handelt sich um einen weichen Begriff, der einen Bedeutungskern ummantelt. Der Bedeutungskern liegt in einer Positionierung, die ein reflexives Moment enthält und sich in der Haltung repräsentiert. Aristoteles beschreibt in seiner Nikomachischen Ethik gar Ethik insgesamt als Haltung. Kurz gefasst versteht er darunter die Wechselseitigkeit von einer reflektierten Routine sowie Eingewöhnung und der Klugheit als Vergewisserung am in sich Richtigen des Handelns. Bezogen auf unser Thema der Haltung zur Demokratie heißt das vereinfachend übersetzt:
Es bedarf einer Eingewöhnung und Routine in solidarisches und demokratisches Handeln sowie einer andauernden Vergewisserung darüber, dass dieses Handeln unter mehreren Alternativen das einzig Richtige und ethisch zu legitimierende Handeln ist. Eine lebendige und sich stets in den zukünftigen Herausforderungen und Umständen neu gestaltende Demokratie fußt auf diesem beständigen partizipativen Dialog (Kommunikation) und Bildung!
Der schon genannte Zusammenhang von Freiheit und Würde findet dann seine Berücksichtigung, wenn in diesem partizipativen Dialog als Eingewöhnung in demokratisches Handeln, Menschen die Möglichkeit gegeben ist, ihre – wie Peter Bieri es so schön ausdrückt – eigene Stimme zu finden und wenn diese Stimme Gehör findet und damit gewürdigt wird. Diese eigene Stimme zu finden bedeutet nichts anderes als das Entwerfen eines frei gewählten und verantworteten Lebensentwurfs. Oder wie es der Schüler Jean-Paul Sartres, der Soziologe und Philosoph Robert Misrahi, ausdrückt: In der Gestaltung eines persönlichen Gartens der Existenz. Der Garten, das ist ja eine kulturübergreifende Metapher für Muße und seelisches Wohlbefinden. Und wir verbinden damit das Begehren von sinnlicher, ästhetischer und intellektueller Schönheit. Genau hierin liegt unsere Freiheit und Würde begründet, denn wir wollen ja keine Sklaven sein, die nur nützlich zu sein haben. Vielleicht klingt das etwas pathetisch, aber vielleicht auch nur deshalb, weil wir die Gewissheit darin verloren haben und uns im Grunde selbst versklaven in Nützlichkeits- und Verwertungsprozessen. Unsere Freiheit beinhaltet aber eben auch die Verantwortung für die Demokratie, denn nur diese erlaubt uns jene Lebensgestaltung, die wir für alle Menschen in unserer Gesellschaft mit zu gewähren haben. Freiheit kann nur jetzt und für alle gelten, sonst ist sie haltlos. Und die nur scheinbaren aber nicht wirklichen Alternativen der popularistischen Reduktionen weltweit gewähren diese eben nicht!
Welcher Aufgabe zur Förderung einer solchen Haltung zur Demokratie ergibt sich für die Hochschule als eine Keimzelle der Demokratie?

Die Aufgabe der Hochschule
Als Kontrapunkt zu Heideggers Auffassung der Aufgabe der Universität darf die vom spanischen Philosophen José Ortega y Gasset schon 1930 verfasste Schrift zur Aufgabe der Universität aufgefasst werden. Während Heidegger in seinen völkisch-staatlichen Gedanken sinnierte, entwarf Ortega ein demokratisch orientiertes Verständnis der Wissenschaft und Bildung, das Spanien in eine demokratische europäische Gemeinschaft führen sollte. Hierauf gründend beschreibe ich aktualisiert drei grundlegende Aufgaben der gegenwärtigen Hochschulen:
1. Vermittlung der Kultur im Zusammenspiel mit der Befähigung der Studierenden, sich zu den aktuellen Herausforderungen der gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen eine persönliche Haltung zu bilden. Dies impliziert die offene Fragestellung, wie wir uns als Menschen verstehen und in welcher Gesellschaft wir leben wollen.
2. Die fachbezogene und disziplinäre (Aus-)Bildung auf dem Hintergrund inter- und transdisziplinärer Zusammenhänge.
3. Wissenschaftliche Forschung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Als weitere Aufgaben obliegen in einem neueren Verständnis den Hochschulen auch
• die Förderung gesellschaftlicher Verantwortung und
• die Förderung regionaler Entwicklung unter dem Vorzeichen der ökologischen, sozialen und damit auch ökonomischen Nachhaltigkeit.

Spezifischer auf die Aufgabe der Hochschule zur Bildung, Verstetigung und Förderung einer Haltung zur Demokratie fokussiert, möchte ich an dieser Stelle besonders zwei Punkte hervorheben.
1. Die in der Verantwortung aller Beteiligten liegende Gestaltung einer Hochschulkultur, die die Eingewöhnung solidarischen und demokratischen Handelns im partizipativen Dialog offeriert. Darin eingebettet sind durchaus auch der fachliche kontroverse Diskurs und der Streit der Disziplinen (Campus – das Battlefield der Disziplinen). Eine solche Kultur wirkt nach Innen wie nach Außen: die Hochschule ist wesentlich mehr als die Summe ihrer Studiengänge (reine Ausbildungsstätte) und auch mehr als die Summe der eingeworbenen Drittmittel (Unternehmen).
2. Nochmals mit Peter Bieri gesprochen, geht es in der Bildung als Aneignung von Kultur, die „ein komplexes Gewebe von bedeutungsvollen, sinnstiftenden Aktivitäten“ darstellt, um die zwei Fragen: Was möchte ich können (Ausbildung)? ; Wer möchte ich sein?
Wenn es um Haltung zur Demokratie geht, darf die zweite Frage im Studium nicht vernachlässigt werden. Es geht darum, die Studentinnen und Studenten als Personen wahr und ernst zu nehmen, sie zu würdigen; sie in der Reflexion ihrer freien Lebensentwürfe zu begleiten. Das sollte bei allen wissenschaftlichen Anstrengungen hinreichende Beachtung im Dialog erfahren. Und es bedeutet auch, sich selbst in seinem eigenen Lebensentwurf zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen.
Die Förderung und Bildung von Reflexivität gestaltet sich – vielleicht – zunehmend schwierig, da zumindest einige Instrumentarien hierfür gesellschaftlich an Bedeutung verlieren. Ein Beispiel hierfür: Der Diogenes-Verleger Philipp Keel wies vor wenigen Wochen in einem Interview mit der FAZ darauf hin, dass weltweit der Buchmarkt in den vergangen siebzehn Jahren um die Hälfte eingebrochen sei. In den USA mit ihren 325 Millionen Einwohnern erfolgt ein aussichtsreiches Debüt in der Auflage von nur noch zweitausend Exemplaren. Kreativität ist bei der Förderung von Reflexivität also durchaus gefragt.

Wie aber sieht es mit der Demokratie innerhalb der Hochschulen aus? Der Blick auf die unzureichende Wahrnehmung der Möglichkeit partizipativen Handelns seitens der Studierenden und vermehrt auch der wissenschaftlich in der Hochschule wirkenden Personen bei den Hochschulwahlen stimmt nachdenklich. Besorgniserregend erscheint auch die anhaltende und vielleicht zunehmende Knechtung von Lehre und Forschung durch einen „Akademischen Kapitalismus“. Steht nicht wissenschaftliches Handeln – in Lehre und Forschung – heute unter dem Diktat einer Vermarktung von Produkten im Kontext der seit der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht mehr so öffentlich stark, aber eben dennoch politisch latent geforderten Unternehmerischen Hochschule? Präsidien, Rektorate und Dekanate können hierzu reihenweise Beispiele zu den vorgegebenen massiven Steuerungselementen der Ministerien angeben. Aber greift der Geist der einwilligenden Untergrabung – wenn nicht gar Zerstörung – der akademischen Freiheit nicht noch tiefer? Wir alle kennen den Lobgesang auf die Netzwerke und das Netzwerken im akademischen Kontext. Netzwerke generieren aber auch – bewusst oder unbewusst – schnell zu Seilschaften. Die Vetternwirtschaft in Forschungs-, Gutachter- und Berufungskartellen der disziplinären Seilschaften begräbt zunehmend den Anspruch der Auffassung der Hochschule als Keimzelle der Demokratie einer demokratisch verfassten Gesellschaft. Der – wie ich es nenne – Erbsenzählerei der Creditpoints seitens der Studierenden steht äquivalent der Trend seitens der Lehrenden und Forschenden gegenüber, persönlich in der angeblichen Konkurrenz mit den Kolleginnen und Kollegen möglichst gut auszusehen.
Der genannte entsolidarisierende Akademische Kapitalismus ist schon längst tief in das Denken der Handelnden eingedrungen. Gegenüber all diesen nachdenklich stimmenden Entwicklungen bin ich der festen Überzeugung, dass die Hochschulen und Universitäten alternativen und innovativen demokratisch orientierten Lebens- und Gesellschaftsentwürfen nach wie vor einen großen Raum bieten. Sie sind gegenüber popularistischen Reduktionen resistente Institutionen.

Sehr geehrte Rektorin, sehr geehrte Damen und Herren, am Ende meiner Ausführungen kehre ich zum Ausgangspunkt derselben zurück. Der völkisch-staatlichen Auffassung der Aufgabe der Hochschule durch Martin Heidegger und einer damit nicht gleichzusetzenden aber eben auch fundamentalistischen Bestimmung der Hochschule durch die Unternehmerische Hochschule setze ich die folgende Haltung entgegen. Dietrich Bonhoeffer beschreibt diese in Nach zehn Jahren. Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943.
„Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation leben soll.“
Wenn die Hochschule auf der Basis dieser Haltung ihrer Mitglieder das Wagnis einer stets zukommenden Demokratie als solidarische Lebensform eingeht, die Studentinnen und Studenten wie Lehrende und Forschende, Menschen, dabei begleitet und fördert, ihre eigene Stimme – zur Gestaltung des Gartens ihrer Existenz – finden zu können, dann ist viel erreicht.
Das wünsche ich Ihnen und uns allen. Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.