Nachdenken mit Camus

© Eric Mührel, Oktober 2020

Der Mythos der Nemesis

Nachdenken mit Albert Camus über eine maßvolle und friedliche Welt

„Nemesis wacht, die Göttin des Maßes, nicht der Rache. Alle, die die Grenzen überschreiten, werden von ihr unerbittlich bestraft.“

Albert Camus, Helenas Exil

Das Antlitz der Erde leuchtet am Tage wie in der Nacht. Dort, wo das rechte Maß herrscht, gedeiht die Vielfalt des Lebens und der Natur in einer prachtvollen Schönheit. Es gibt ein Wesen, das diese Schönheit genießen und zugleich sich seiner eigenen Stellung in der Ordnung der Schönheit, auch einfach Welt genannt, bewusst werden kann. Das Glück im Genuss dieser ästhetischen, sinnlichen und auch einfach poetischen Schönheit verdankt dieses Wesen, es sei Mensch genannt, seiner Sterblichkeit. Denn, das wussten die alten Griechen schon zu benennen, und Albert Camus führt es mit dem der Demeter geweihten Hymnus in Hochzeit in Tipasa aus: „Glücklich der Sterbliche auf Erden, der diese Dinge sah.“ Nur sterbliche Wesen können glücklich sein. Unsterbliche Wesen wie die antiken Gottheiten langweilen sich. Um sich nicht zu Tode zu langweilen, benötigen sie zu ihrem Zeitvertreib die Bühne der Menschen, mit denen sie ihre Späße und Verwünschungen treiben. Die Ehre der Menschen besteht darin, den Göttern den Spiegel ihrer Hölle einer unendlichen Selbstbeschäftigung, ja Beschäftigungstherapie in einer zehrenden Langeweile vorzuhalten. Dieser trostlosen Welt der Götter halten sie eine zugegeben absurde Treue dem Glück entgegen, das nur im Lichte der Vergänglichkeit Einzug halten kann. Alles Glück mag angesichts des Todes vergebens sein und ist es doch nicht, da nur der Augenblick die Ewigkeit der waltenden Schönheit eröffnet. Der eine Moment einer beständigen Gegenwart als reine Poesie, Verdichtung der Welt und unseres kurzen Aufenthaltes in ihr. Doch dieses Wesen, der Mensch, hat im Laufe seiner doch recht kurzen Verweildauer auf der Bühne der Welt eine andauernde und stets zunehmende Unzufriedenheit entwickelt, die darin gründet, dass es sich strikt weigert, zu sein was es ist: ein sterbliches Wesen. Der Tod erscheint als die größte Beleidigung des Menschen und so liegt es nahe, diesen Tod sukzessive nach hinten schieben und verdrängen zu wollen. Von daher ist es leicht zu verstehen, dass ein langes Leben, und das möglich gesund, zu einem absoluten Wert der Menschen geworden ist. Dieses Aufbegehren gegen die vermeintliche Trostlosigkeit und das Absurde des Todes konnte und kann in zwei Varianten geschehen. Beide Varianten haben ihren Ursprung in einem Nein zur Ausgangslage des Absurden. Das eine ist die ästhetische, schöpferische Revolte, die ihr Maß in der Einsicht und Bejahung der Sterblichkeit und damit schließlich in einem Ja zu dieser Welt findet. Die andere, geschichtliche Revolte beinhaltet ein Versprechen einer zukünftigen besseren Welt. Dieses Versprechen fußt auf der Hellsichtigkeit und damit der Erkenntnis- und Gestaltungskraft der menschlichen Vernunft. Zur Erreichung des Ziels einer besseren Welt bedarf es einer erklärbaren und technisch formbaren Natur und einer gesetzmäßig gestaltbaren Gesellschaft im Sinne der Gerechtigkeit. Auch in dieser Form der Revolte war zunächst ein Ja zu dieser Welt zu vernehmen. Doch das Blatt wendete sich zu einem Nein einer maßlosen Raserei, die in Ressentiments gegen alles und jeden mündete. Die „industrielle Maßlosigkeit“, so Camus in Der Mensch in der Revolte bedient sich einer wahnsinnig gewordenen instrumentellen Vernunft, die Zerstörung und Krieg bringt. Die Auswüchse dieser Raserei sind zahllos und überall sichtbar. Um nur einige Beispiele zu nennen: der Klimawandel auch mit seinen verheerenden Folgen für Flucht und Migration, abnehmende Biodiversität und die zahllosen Kriege, vor allem Bürgerkriege weltweit. Die Logik hinter dieser Maschinerie lautet: Fortschritt und Verbesserung der Zivilisation durch immer mehr sozialen wie technischen Fortschritt; ein paranoider, unendlicher Regress! Vielleicht ist es ein Versuch wert, mit Camus innezuhalten und über dieses gewünschte Maß nachzudenken. Wie kam Camus auf die Idee eines Maßes? Und kann diese Idee vielleicht auch für uns in der heutigen Zeit oder für Menschen in zukünftigen Zeiten eine Bedeutung haben? Sein mittelmeerisches Denken des Maßes, verbildlicht im Mythos der Nemesis, durchstreifte sein Wirken von Beginn an. Es stellte den dritten Zyklus seiner Schaffensperiode im Anschluss an den Mythos des Sisyphos, der für das Absurde steht, und den des Prometheus, der die Revolte – das Aufbegehren, nicht die Revolution – verkörpert, dar. In sich stringent gehören diese Zyklen in einen gemeinsamen Blickpunkt. So notiert Camus 1950 in seinem Tagebuch: „I. Der Mythos von Sisyphos (Absurdes). – II. Der Mythos von Prometheus (Revolte). – III: Der Mythos von Nemesis.“ Zeitlich gesehen arbeitete Camus sie nacheinander ab. Sein Unfalltod am 4. Januar 1960 brachte ihn um die Möglichkeit, den Mythos der Nemesis und das Denken des Maßes entsprechend der beiden anderen Zyklen auszuformulieren. Wenn mit Bezug auf die genannten Zyklen Camus` vom Mythos gesprochen wird, ist damit Folgendes gemeint: Eine Erzählung, die anschaubar vermittelt, welchen Platz und welche Aufgabe unser Leben in dieser Welt hat. Der Mythos vermittelt Lebensgespür und Aufmerksamkeit gegenüber sich selbst und der Welt. Wenn wir die Augen aufschlagen und in die heutige Welt schauen, wissen wir, dass es genau daran fehlt. Der Mythos selbst ist daher hoch vernünftig und bindet die rational-wissenschaftlichen Welterklärungen in unser persönliches Panorama des Lebens ein. Camus schreibt in Prometheus in der Hölle: „Die Mythen leben nicht aus sich selbst. Sie warten darauf, dass wir sie verkörpern.“ Unsere Haltung und unser Handeln sind somit der Resonanzkörper der Melodien und Rhythmen der Mythen. Wir können – vielleicht – mit und in ihnen ablesen, was die Aufgaben unserer Zeit und unseres Lebens mit Blick auf die Stiftung des Friedens und die Bewahrung der Natur sind.

Um die Inspiration seines Denkens des Maßes mit Bezug auf die heutige Situation zu verstehen, ist es notwendig, sich zumindest kurz der beiden anderen Zyklen zu vergewissern. Über Camus` Leben und sein Werk ist de facto schon vieles gesagt. In mehreren Rezeptionswellen wurde aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Jahrzehnte Leben und Werk immer wieder aufs Neue analysiert und interpretiert. Daher soll es hier nicht noch einmal einfach wiederholt werden. Nähern wir uns dem Absurden und der Revolte stellvertretend durch Beispiele bei den Lehrmeistern Camus`.

Der erste Weg führt zu Blaise Pascal, über den Camus in einem Tagebucheintrag im November 1956 festhält: „Der größte von allen, gestern und heute.“ Camus ließ sich von Pascal, der das Heil des Menschen in der Erkenntnis Gottes sah, erschüttern, aber nicht bekehren. Bei Pascal konnte Camus Elend und Größe des Menschen in seiner absurden Lage studieren. Pascal schreibt über die wahre Lage des Menschen: „Man stelle sich eine Anzahl von Menschen vor, die alle zum Tode verurteilt sind und von denen jeden Tag einigen vor den Augen der anderen die Kehle durchgeschnitten wird, sodass die Überbleibenden ihre eigene Lage in der ihrer Mitmenschen sehen und, während sie einander mit Schmerz und ohne Hoffnung ansehen, ihrerseits darauf warten, an der Reihe zu sein!“

Nicht zufällig wird der Protagonist Meursault in Der Fremde, dem poetischen Pendant zu dem philosophischen Essay Der Mythos des Sisyphos im Zyklus des Absurden, zum Tode verurteilt. Dabei wird im Gespräch Meursaults mit dem Geistlichen in der Todeszelle offenbar, dass alle schon zum Tode verurteilt sind und der Zeitpunkt der Vollstreckung völlig bedeutungslos erscheint. Und noch in Die Pest inszeniert Camus diese Grundsituation hinter den Mauern von Oran. Ein anderer Weg führt zu weiteren Lehrmeistern von Camus, den russischen Literaten wie Tolstoi und Dostojewski. In Krieg und Frieden liegt Fürst Andrei verwundet auf dem Schlachtfeld und schaut Napoleon in die Augen. Da dachte er „an die Nichtigkeit menschlicher Größe und an die Nichtigkeit des Lebens, dessen Sinn und Bedeutung niemand begreifen kann, und an die noch größere Nichtigkeit des Todes, dessen wahres Wesen kein Lebender zu verstehen und einem andern zu erklären vermag“. Diese Zeilen Tolstois könnten durchaus als eine Interpretation der Kerkerszene bei Pascal gelesen werden.

Doch was ist das Absurde? Der „Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt“, so Camus in der Beschreibung des Mythos des Sisyphos, erschaffen die Kluft des Absurden; Schicksal wie Elend und zugleich Privileg wie Größe der Menschen. Das Erschrecken vor dieser Kluft ermöglicht zugleich die Freiheit des Menschen, sich zu dieser Lage des Absurden zu verhalten. An dieser Stelle lassen sich Bezüge Camus` zu Dostojewski veranschaulichen. In Die Brüder Karamasoff versinnbildlichen die drei Brüder eine jeweilige Antwort auf die Kluft des Absurden: Zerstreuung, Anbetung und Gleichgültigkeit. Eine weitere stellt Tolstoi in Anna Karenina vor: die Selbsttötung. Gehen wir auf diese Möglichkeiten etwas näher ein. Ein gewöhnlicher Weg ist es, den Abgrund des Absurden zu füllen, um ihn nicht mehr sehen zu müssen. Die Bühne der Welt bietet hier viele Möglichkeiten: Macht, Ehre, Geld, Konsum, das Aufblasen der eigenen Existenz durch schmückende Girlanden. Ein letztlich erfolgloser Versuch einer Besänftigung dieses spürbaren Schreckens des Absurden mittels Zerstreuung. Die vielleicht anspruchsvollere Variante ist die Füllung der Kluft des Absurden mit einer übersinnlichen Idee eines übernatürlichen Wesens als eine Art Beruhigungspille im Anblick des Absurden. Glaube und Religion, das sei hier eingeschoben, können natürlich auch etwas ganz anderes bedeuten, nämlich eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Absurden. Eine weitere Möglichkeit eröffnet die Begegnung mit Anna Karenina in ihrer letzten Stunde vor ihrem Sprung auf die Gleise zwischen zwei Waggons eines vorbeifahrenden Zuges. „Sich von dem befreien, was einen beunruhigt“, sagt sie sich selbst im Angesicht einer verlorenen Liebe und dem Zerschellen an den gesellschaftlichen Erwartungen. Eine tiefe Einsamkeit, aus der auch nicht mehr das unbedingte Lieben und Begehren eines anderen zu erretten vermag. „Und die Kerze, bei der sie das von Sorgen, Betrug, Kummer, und Bösem erfüllte Buch des Lebens gelesen hatte, flammte heller auf als je zuvor, beleuchtete ihr alles, was bisher im Dunkel gewesen war, knisterte, wurde dunkel und erlosch für immer.“ Damit beantwortet Anna Karenina die von Camus zu Beginn in Der Mythos des Sisyphos gestellte Grundfrage der Philosophie: „ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht“. Aber vermögen die Menschen überhaupt jener Einsicht in diese Dinge des Lebens? Besteht eventuell die absurde Lage mit Pascal gesprochen nicht in folgender Weisheit: „Wir suchen nie die Dinge, sondern nur die Suche nach den Dingen.“ Meursault wählt eine andere Antwort in Der Fremde: „die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“. Der Beunruhigung der Kluft des Absurden kann auch mit Verachtung und Gleichgültigkeit begegnet werden. Diese Haltung Meursaults treibt den Geistlichen als Bewahrer und Verkünder metaphysischer Hoffnungen in dem Gespräch in der Todeszelle zum Wahnsinn. Eine Schlüsselszene des Denkens des Absurden, die nicht nur stilistisch an den exkursiven Einschub Der Großinquisitor in Dostojewskis Die Brüder Karamasoff erinnert, in welcher der Kardinal Großinquisitor dem zurückgekehrten Jesus die Sinnlosigkeit seiner liebenden Hoffnung und hoffenden Liebe verdeutlicht. Allein Verachtung und Gleichgültigkeit, Brot und Macht regieren den Lauf der Welt. Mehr wird hier nicht erwartet, und so schickt er Jesus in die ewige Verbannung; immer noch besser als der zuvor angedrohte Scheiterhaufen. Es bleibt noch die Möglichkeit der schöpferischen Revolte gegen das Absurde, die gleich besprochen sein will. Und sicherlich gibt es auch noch ganz andere Spielarten der menschlichen Freiheit, sich zum Absurden seiner Lage zu verhalten. Doch kehren wir nochmals zu Sisyphos zurück, den Camus als glücklich bezeichnet. Für seine Selbstverliebtheit und die damit einhergehende selbstverherrlichende Schlauheit bitter und ewig bestraft, treffen wir ihn stets am Fuß des Berges seiner Pein und Schmach. Die Schwere des Steins, der Schmerz des Abstiegs und der widersinnige, immer wiederkehrende Aufstieg verbindet das Schweigen der Welt mit der immer erneuten Frage des Menschen nach einem Sinn und einem Grund. Sisyphos sagt Ja zu seinem Schicksal. Er trinkt „den Wein des Absurden“ und isst „das Brot der Gleichgültigkeit“. „Ich erhoffe nichts. Ich fürchte nichts. Ich bin frei.“ Diese Worte, die das Grabmal von Niko Kazantzakis, dem Verfasser des Alexis Sorbas, auf Kreta schmücken, sind das wiederkehrende Mantra des Sisyphos am Fuße des Berges.

Da bleibt noch eine andere Möglichkeit, dem Absurden zu begegnen. Jenseits eines Aufgebens, der verachtenden Gleichgültigkeit und der stoischen Erstarrung gibt es für Camus das Aufbegehren, die Revolte. Wiederum ist darüber mit Bezug auf Camus wahrscheinlich vieles gesagt. Wenden wir uns daher zunächst nochmal Krieg und Frieden zu. Ein anderer Protagonist, Pierre, etwas beschwerlich und unbeweglich im Geist, spürt seine Kraft und seinen Willen, sich gegen alle Unwegsamkeiten und Widrigkeiten seines – zumindest wirtschaftlich durchaus privilegierten – Lebens und der Situation der Eroberung Moskaus durch Napoleon aufzulehnen. Da, wo der Komet von 1811/12 nur Schrecken und den Untergang der Welt in der russischen Gesellschaft hervorruft, empfindet Pierre „dass dieses Gestirn vollständig mit dem Gefühl harmonisierte, das in seiner zu neuem Leben sich erschließenden, von Rührung und Mut erfüllten Seele rege geworden war“. Dieses Aufbegehren und seine Aufrichtigkeit werden auch dann noch Bestand haben, als Pierre irrtümlich von napoleonischen Truppen in Moskau des Diebstahls bezichtigt wird und hingerichtet werden soll. Nur durch Glück entkommt er der Hinrichtung und muss mit den französischen Truppen als Gefangener den Rückzug von Moskau antreten. Dabei stürzt er mit seinen Mitgefangenen in eine bittere und vor allem tödliche Armut aus Kälte und Hunger, die er mit Anstand und Mitgefühl für die anderen Gefangenen erträgt.

Doch greifen wir noch auf ein anderes Beispiel, von dem Camus ggf. selber nie erfahren hat, zur Veranschaulichung der Revolte zurück. In dem 1939 erschienenen Roman A Darkling Plain von Wallace Stegner (deutsch 1949: Keiner bleibt allein) wird die Geschichte eines jungen amerikanischen Heimkehrers aus dem ersten Weltkrieg, Vickers, erzählt, der in der Einsamkeit der Prärie seine Seele sucht. Gezeichnet ist diese Seele von der Absurdität des Krieges. „Wenn irgendwo in einem menschlichen Geist das Licht verlöschte –, was bedeutete es schon? Wenn über dem ganzen fieberkranken Körper der Welt die Menschen miteinander kämpften und starben und sich in Todeskrämpfen wanden – was war das schon? Die Sterne zogen ihre Bahn, das Gesicht des Himmels blieb sich gleich (…). Es war nichts – und dennoch etwas. Man konnte die Ruhe der Sterne nicht erreichen.“ Doch Vickers ergibt sich nicht in der Gleichgültigkeit gegenüber diesem Schweigen der Welt. Er begehrt auf, er revoltiert. „Und was konnte ein Mann tun, der den Adel der Seele mehr liebte als die Behaglichkeit seines Körpers? Was konnte ein Mann tun, um den Kriegslärm in seiner eigenen Brust zu beschwichtigen? Was konnte ein Mann tun, der die Fragen: Wo gehöre ich hin in der Menschheit? Wo ist meine Stelle in der Welt? auf seine eigene Weise lösen wollte.“ Und er versucht es fernab des Wohlstands alleine in einem weiten Land, von dem Vickers sagt, dass dieses einen Gott nicht nötig hat. In der Einsamkeit trifft er eine unerwartete Liebe. Doch dann kehrt der fieberkranke Körper der Welt zurück im Gewand der Spanischen Grippe. Und Vickers versteht sofort, dass in dieser Situation nur die Treue einer absurden Aufrichtigkeit ein Menschenherz erfüllen kann; eine einsame Aufrichtigkeit, die nur die Liebe als Solidarität mit den anderen in dieser Situation zum Tode Verurteilten im Sinn hat. Vickers geht zur Familie seiner Freundin und mit diesen in das Nothospital einer angrenzenden kleinen Gemeinde. Er hilft vor Ort bei der Betreuung der Kranken, er begräbt die Toten. Und er bleibt auch dann noch dieser Aufrichtigkeit treu, als seine Freundin stirbt. Ein Sinnbild für die Losung Camus`: Solitaire et solidaire! – „Ich empöre mich, also sind wir!“, schreibt er in Der Mensch in der Revolte. Die Haltung Vickers erinnert an die von Dr. Rieux und Tarrou in Die Pest. Rieux beschreibt sie in einer Selbstbetrachtung am Ende wie folgt: „Aber gleichzeitig hat er, dem Gebot eines aufrichtigen Herzens folgend, entschieden die Partei der Opfer ergriffen und sich mit den Menschen, seinen Mitbürgern, in den einzigen, allen gemeinsamen, sicheren Wahrheiten vereinigen wollen, als da sind die Liebe, das Leid und die Verbannung. Deshalb gibt es nicht eine Angst, die er nicht geteilt hätte, keine Lage, die nicht auch die seine gewesen wäre.“ Dem Absurden ins Auge sehen, In der prometheischen Auflehnung findet der Mensch seine Ehre. Und wenn auch das Absurde herrscht, die Liebe errettet davor. „Alle jedoch, die sich über den Menschen hinaus an etwas gewandt hatten, das sie sich nicht einmal vorstellen konnten, hatten keine Antwort erhalten.“

Die Gefahr jeder Revolte liegt in ihrer Maßlosigkeit. Prometheus, vom Wortstamm her heißt das der mit Bedacht Handelnde, der Rebell und Wohltäter der Menschen erleidet eine drakonische Strafe für sein Aufbegehren gegen Zeus. Wie wird es erst dem Menschen ergehen, der in seiner Revolte jedes Maß aus den Augen zu verlieren droht? In Der Mensch in der Revolte beschreibt Camus den Menschen als Wesen, welches immer von seiner eigenen Maßlosigkeit und Besessenheit bedroht ist: „Wir tragen alle unsere Kerker, unsere Verbrechen und Verheerungen in uns. Doch unsere Aufgabe ist es nicht, sie in der Welt zu entfesseln, sondern sie in uns und in den anderen zu bekämpfen.“ Die Revolte als ursprünglich schöpferische Kraft des Menschen begleitet schon in ihrer ersten Auflehnung der Keim der Umkehrung in Überspanntheit, und damit in Ressentiment und Zerstörung. Sie muss ihr Maß finden, um nicht in einer Tyrannei zu enden. In seinen Dramen verdichtet Camus in seinen Darstellern die Möglichkeiten der Verwirklichung wie Verfehlung der Revolte. Ein Beispiel dafür findet sich in Die Gerechten. Einer tatsächlichen Begebenheit der Geschichte Russlands entlehnt handelt dieses Drama von einer Gruppe sozialrevolutionärer Personen, die den Großfürsten durch ein Attentat ermorden wollen. Aber auch Unschuldige würden dabei unzweifelhaft mit betroffen sein. Was noch edle Motive in den Grundzügen einer sozialen Revolte für mehr Gerechtigkeit zeitigte, entwickelt sich zu Ideologie und Größenwahn. „Zerstören, darauf kommt es an“, und „Zuerst trachtet man nach Gerechtigkeit, und zum Schluss organisiert man eine Polizei“. Alle Verbrechen sind erlaubt, wenn eine maßlose Revolte sie rechtfertigt: „Wir, die wir nicht an Gott glauben, haben die ganze Gerechtigkeit nötig, sonst müssen wir verzweifeln.“ Damit wird die Gerechtigkeit zu einem unendlichen Projekt menschlichen Wahnsinns, aber bitte im Namen der Vernunft. Für wie viele Verbrechen diente und dient Gerechtigkeit bis heute als entschuldigende Begründung? Aber es sind eben nicht nur sozialrevolutionäre Träume, die in menschlicher Maßlosigkeit ersticken. Es sind auch die Träume der instrumentellen Vernunft, der Raserei der Maschinen, der Büros zur Optimierung der wirtschaftlichen Verwertung der Natur und zur Abrichtung der Menschheit als Produktionsgehilfen und Konsumenten. Auch hier gilt es, für die Freiheit der Menschen einzustehen. Geschenkt wird sie nicht aus den Büros der Maßlosigkeit. „Retten, was noch zu retten ist, um die Zukunft überhaupt möglich zu machen, das ist das gewaltige Motiv; der glühende Wunsch, das Opfer, das nötig ist“, schreibt Camus schon 1946 vor dem Hintergrund des Schreckens des Zweiten Weltkriegs – aber eben auch schon mit Blick auf weitere Maßlosigkeiten – in seinem Gedanken zu einer neuen Weltordnung in Weder Opfer noch Henker.

Wie schon ausgeführt dachte Camus die drei Zyklen des Sisyphos, des Prometheus und der Nemesis in einem direkten Zusammenhang. Das Absurde ruft im Menschen die Revolte hervor, welche ihr Maß finden muss. Ohne dieses verirrt sich das Aufbegehren des Menschen in eine Verabsolutierung, eine Ideologie des Lebens, die die Kluft des Absurden zu schließen und zuzuschütten erachtet, anstatt diese als Quelle des Aufbegehrens und mit ihr den ureigensten Schmerz in sich wach zu halten. Camus bearbeitete die Zyklen jedoch in einer zeitlichen Abfolge. Den Zyklus der Nemesis konnte er aufgrund seines frühen Todes nicht mehr ausführen. Es bleiben daher nur Bruchstücke als Hinweise auf diesen. Ein paar Beispiele seien angeführt. 1947 notiert er in seinem Tagebuch: „Nemesis – Göttin des Maßes. Ein jeder, der das Maß überschreitet, wird erbarmungslos vernichtet“. In Der Mensch in der Revolte führt er 1951 aus: „Nemesis, die Göttin des Maßes, verderblich den Maßlosen, war das Symbol der Grenze. Ein Denken, das die heutigen Widersprüche der Revolte einbeziehen will, müsste seine Inspiration bei dieser Göttin holen.“ Derselben inhaltlichen Logik folgt eine Beschreibung in Helenas Exil: „Nemesis wacht, die Göttin des Maßes, nicht der Rache. Alle, die die Grenzen überschreiten, werden unerbittlich gestraft.“ Camus führt dies mit Bezug auf das moderne Europa aus, das nur noch ein „Gebet“ kennt: „den zukünftigen Sieg der Vernunft.“ Ein Gebet, das in Raserei und Zerstörung münden muss. Kurz vor seinem Tod im Dezember 1959 schreibt er in seiner letzten Heimstätte in Lourmarin ein nur schwer zu durchdringendes Gedicht für Nemesis, das aufgrund seiner eigenwilligen Sprache einer eigenen Interpretation bedarf und würdig wäre. Vielleicht ist es als eine Art Beginn der Bearbeitung des Mythos der Nemesis zu lesen, der dann nicht mehr zustande kommen konnte. Nemesis, vom Wortstamm her bedeutet dies die Zuteilung des Gebührenden, versteht Camus als Wächterin des Maßes, des Ausgleichs und somit Behüterin der Grenzen, die die Schönheit bewahren. Ihre „Methode ist die Aufrichtigkeit“, notiert Camus mit Bezug auf die Haltung und das Handeln zu Beginn des Jahres 1956 in seinem Tagebuch. Dort hält er auch schon im Frühjahr 1952 fest: „Nemesis. Die Trunksucht der Seele und des Körpers ist kein Wahnsinn, sondern Trost und eine Betäubung. Der wahre Wahnsinn lodert im Scheitel einer endlosen Helligkeit.“ Mit Trunksucht der Seele und des Körpers ist hier natürlich nicht der Konsum an Wein gemeint, sondern das Begehren und Sich-verzehren an der ästhetischen, sinnlichen und auch intellektuellen Schönheit. Dort lauert Trost im Absurden und nicht der Wahn einer maßlosen Revolte. Dieser Wahn lodert in der endlosen Hellsichtigkeit einer von ihren Grenzen entfesselten Vernunft.

Diese Einsicht in und durch den Mythos der Nemesis kann das befördern, was eine Ethik des Maßes oder auch einfach eine Haltung eines maßvollen Handelns genannt werden kann. Diese Haltung basiert auf dem, was Camus als mittelmeerisches Denken oder als Denken des Mittags, der Mitte beschreibt, welches in einer entsprechenden Lebensweise, individuell wie gesellschaftlich, mündet. Was kann unter mittelmeerischem Denken verstanden werden? Camus bezweckt damit keine Vergötterung der gesellschaftlichen und politischen Kultur der Mittelmeerländer, das wäre mit Blick auf den Faschismus in Spanien und Italien zu Lebzeiten Camus` aus seiner Sicht völlig abwegig und widersinnig. Was Camus unter diesem Begriff mittelmeerisches Denken, den er explizit so als Überschrift eines Unterkapitels am Ende in Der Mensch in der Revolte verwendet, fasst, ist eher mit einem Denken des Mittags, der Mitte zu beschreiben. Man stelle sich das Mittagslicht an einem Ort am Mittelmeer vor: das Spiegeln des Sonnenlichtes in den Wellen des Meeres, ein Bild für das Gleichgewicht zwischen den Elementen, in welchem der Mensch wohnt. Dieses Wohnen steht für die Beachtung der Grenzen, die die Ordnung des Hauses (Oikos) der Natur setzt, für eine Kultur im Einklang mit diesen Grenzen, der ein zivilisatorischer Fortschritt auf Kosten der Natur und des Menschen fremd ist. Mensch zu sein, schreibt Camus in Sommer in Algier „heißt, jene Heimat der Seele wiederfinden, wo wir uns der Welt verwandt fühlen, wo das Blut in unseren Adern im gleichen Rhythmus pocht wie der glühende Puls der Mittagssonne“. Nicht von ungefähr heißt der Protagonist in Der Fremde Meursault, eine begriffliche Konstruktion aus Sonne und Meer. Das Pendel der Natur der Dinge aus dem Gleichgewicht seines ursprünglichen Taktes zu bringen, führt ins Verderben. Meursaults wahnsinniges Verbrechen steht für dieses Verderben. Die Ursprünge dieses Denkens der Mitte bei Camus lassen sich bis in seine Examensarbeit zur Erreichung des Diplôme des Études supérieure aus dem Wintersemester 1935/36 an der Universität in Algier verfolgen. Der damals dreiundzwanzigjährige Camus schrieb über das Thema Christliche Metaphysik und Neuplatonismus. Angemerkt sei hier, dass sich aus dieser Schrift auch die grundlegende Haltung Camus` zum Christentum erschließt: eine ambivalente, mit Missverständnissen durchsetzte Beziehung. Mit Bezug auf das Denken des Mittags, der Mitte steht hier im Vordergrund der Neuplatonismus bei Plotin, den er als einen vermittelnden Weg, eine Mitte zwischen dem zeitlosen platonischen Kosmos und der Heilsgeschichte des jüdisch-christlichen Verständnisses auffasst. Doch Camus entscheidet sich für die zeitlose Ordnung und die Ablehnung jeder Art von geschichtlicher Heilserwartung innerhalb oder außerhalb dieser Welt, woher sich auch seine spätere Ablehnung des Marxismus erschließt. Dieser Gedanke der Zeit ist hoch interessant für eine Reflexion einer besonders westlich geprägten Welt, die an eine immer-währende verheißungsvolle Zukunft des Fortschritts glaubt. Camus, als ein Sohn und ein Erbe Griechenlands, setzt dagegen das Denken eines zeitlosen Mittags als Sinnbild eines Kosmos, in dem die Morgendämmerung wie die Abenddämmerung (Vergangenheit und Zukunft) aufgehoben und gehalten werden in einem ausgleichenden Maß.

Dieses Denken der Mitte, diese Ethik des Maßes sollte seinen Widerhall finden im Lebensstil, in der Lebensweise der Menschen. Schon 1946 in Weder Opfer noch Henker fordert Camus zu einer Haltung und einem Lebensstil auf, die das Zugrunderichten und Ausbeuten der Erde sowie den Krieg zwischen Menschen und Nationen verhindern. Vielleicht einmal anders ausgedrückt mit den Worten Dietrich Bonhoeffers im Angesicht der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und des Desasters des Zweiten Weltkrieges Ende 1942: „Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.“ Camus hätte dieser Aussage wohl sofort zugestimmt. Und um was geht es uns?

Heute offenbart sich die tiefe Einsicht des Francisco de Goya in seinem Blatt 43 der Caprichios: Die Träume der Vernunft, nicht ihr Schlaf, generieren Ungeheuer. Sich dieser Versuchung zu stellen und ihre Träume zu reflektieren, das könnte eine lohnende Aufgabe sein. Camus schreibt in Prometheus in der Hölle „Prometheus war jener Heros, der die Menschen genügend liebte, um ihnen zugleich Feuer und Freiheit, Technik und Kunst zu schenken. Die heutige Menschheit glaubt einzig an die Technik.“ Auch wenn dieser Glaube zeitweilig erschüttert wurde, man denke nur an Tschernobyl 1986, Prometheus hätte wohl Einspruch gegen diese Einseitigkeit der Wahl des Menschen erhoben. „Kehrte Prometheus wieder, würden die Menschen heute wie die Götter damals handeln: Sie würden ihn an den Felsen schmieden im Namen der Menschlichkeit, deren erstes Symbol er ist“, so führt Camus weiter aus. Vernunft aber zielt nicht ausschließlich auf eine technische Umgestaltung der Welt, sondern ist vorrangig ein Vernehmen der Stimmen der anderen Menschen und Lebewesen, der Natur. Unsere Stimme könnte den Einklang mit diesen suchen und nicht den Versuch unternehmen, sie zu unterdrücken. Wir sind nicht die Macher, sondern nur ein Teil des Konzertes dieser Welt. Schon der von Camus verehrte Pascal wies darauf hin: „Tröstet euch, nicht von euch müsst ihr es erwarten, sondern indem ihr im Gegenteil nichts von euch erwartet, müsst ihr es erwarten.“ Er beschreibt dies mit Blick auf die Würde des Menschen, die im Denken liegt. „Arbeiten wir also daran, gut zu denken“, führt Pascal in seinen Pensées weiter aus. Gut zu denken, bedeutet zuzuhören, und dann das richtige Maß zu finden und einzuhalten. Damit kehren wir zum Ausgangspunkt des Absurden zurück. Camus hat mit Pascal schon gesehen, dass das Aufbegehren gegen das Absurde ins Grenzenlose führen kann. „Wir brennen vor Verlangen, einen festen Grund zu finden, und einen letzten, beständigen Stützpunkt, um darauf einen Turm zu errichten, der sich ins Unendliche erhebe, aber unsere ganze Grundlage birst und die Erde tut sich bis in die Abgründe hinein auf.“ Vor der ursprünglichen Kluft des Absurden, unserer wahren Lage ohne eine versöhnende und tragende Gewissheit außerhalb unserer selbst können wir nicht unsere Augen verschließen. Sonst lässt unser Denken Türme, die Träume der Projekte schmiedenden Vernunft, in die Höhe sprießen. Diese aber sind ohne ein Maß. Auf Sand gebaut fallen sie in sich zusammen und stürzen in die ursprüngliche Kluft des Absurden. Ist das ggf. auch ein Bild für die heutige Lage der Menschheit? Können wir überhaupt und wenn ja werden wir diese Einsicht gewinnen? Pascal schreibt: „Es tut den Menschen so sehr Not, närrisch zu sein, dass es hieße, auf eine andere Art von Narrheit närrisch zu sein, wenn sie nicht närrisch wären.“ Wir könnten genau jene Narren, jene Verrückten sein, die die gewohnten Torheiten durchbrechen. Und mit Camus lässt sich in Weder Opfer noch Henker dem noch weiter folgen: „Aber ich war immer der Ansicht, wenn ein Mensch, der auf menschliche Verhältnisse hofft, ein Verrückter sei, so sei jener, der an den Ereignissen verzweifelt, ein Feigling.“ Narr oder Feigling, wer wollen wir sein?

In Helenas Exil schreibt Camus: „Wir kehren der Natur den Rücken, wir schämen uns der Schönheit“ und „Wir haben die Schönheit verbannt, die Griechen griffen für sie zu den Waffen.“ Die heutige Menschheit könnte Helenas Exil beenden und sich von ihrer Schönheit wieder verzaubern lassen. Werden wir für diese Schönheit und die Poesie der Menschen in den Kampf ziehen? Unser Schild heute ist die Haltung, das Schwert das Handeln! Unsere Haltung und unser Handeln beruhen auf der Verantwortung für die Schönheit dieser Erde, diesem in den unendlichen Weiten von 100 Milliarden Galaxien wohl einzigartigen Planeten als Wohnstätte des Lebens und des Glücks.